Die spinnt doch!

Diskriminierung von Frauen in der Medizin

Fehldiagnose oder “nur” die Psyche?

Kennt ihr das? Man sitzt nervös im Wartezimmer des Arztes und ist sich sicher, dass welche Beschwerden man auch immer hat, vom Arzt als ein bisschen überspannt oder nicht belastbar abgefertigt wird. Wahlweise kann es auch zu viel Stress sein, oder es ist einfach “psychosomatisch”. Du verlässt verunsichert die Praxis, mit dem Gefühl eben durch eine Prüfung durchgefallen zu sein – aber: Du bist dir sicher, das etwas mit dir ganz und gar nicht in Ordnung ist. Es glaubt dir bloß niemand. Diese Problematik kennen bestimmt sehr viele der unsichtbar erkrankten Patientinnen und Patienten.

Untersuchungen zufolge wird das Problem allerdings größer, wenn du weiblichen Geschlechts bist. Hierzu gibt es mittlerweile einige Fachkreise, die sich mit dem Problem befassen, unter anderem der deutsche Ärztinnen Bund und die Deutsche Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin.

Das Abenteuer Diagnose

Bei meinem ersten MS Schub 1999 ging ich zu drei niedergelassenen Neurologen, mit dem Gefühl als hätte ich Blitzschläge in den Beinen.
Der erste fragte, ob ich Stress im Job oder meinem Freund hätte und sagte ich soll mal ein bisschen entspannen.
Der zweite meinte ich hätte einen verspannten Nacken (der war sehr verspannt, weil ich total gestresst war, weil es mir absolut nicht gut ging mit dem Gefühl in den Beinen!) Ich bekam ein Wärmepflaster für den Nacken.
Der Dritte schickte mich zum Entspannen in die Sauna.

In allen drei Fällen waren es zufälligerweise Männer die mich diagnostizierten, aber die gleiche Behandlung hätte auch bei einer Ärztin auftreten können.

Ich fühlte mich abgekanzelt, väterlich Schulmeisterhaft wie ein kleines Mädchen behandelt und total unverstanden. Und ehrlich gesagt auch peinlich berührt offensichtlich mit einer Nichtigkeit wie „Stress“ überhaupt zum Arzt zu gehen.

Gleichzeitig war ich mir ganz sicher, dass mit mir etwas nicht stimmt.

Ich arbeitete damals als Physiotherapeutin in einer Reha Klinik. Nach Termin Nummer drei sprach ich einen weiteren Arzt in der Klinik auf mein Problem an.
Gleicher Tag MRT, Liquorpunktion. Diagnose Multiple Sklerose.
Meine Symptome standen mit eigenem Namen im medizinischen Standardwerk Pschyrembel „Zeichen von Lhermitte“ und sind in der neurologischen Diagnostik verankert. Es hörte mir nur keiner zu.

Fehldiagnose Nummer zwei

Jahre später, 2010, entwickelte ich eine merkwürdige Unruhe und schlief schlecht. Nach einigen Wochen des Unwohlseins und immer stärker werdender innerer Unruhe wachte ich eines morgens in einem grauen Pudding auf. Die Welt war zu Ende, ich weinte auf dem Weg ins Bad und verstand gar nichts mehr. Diagnose schwere Depression. Das wusste ich an dem Tag allerdings noch nicht. Der Weg zum Neurologen erschien mir zu weit, Kraft zum Telefonieren hatte ich auch nicht, also schleppte ich mich mit buchstäblich letzter Kraft zum Hausarzt.

Wer von euch sowas schon mal hatte: Ihr wisst, von was ich rede.
Für diejenigen, die sowas noch nie hattet: seid froh!!!

Also vor Verzweiflung weinend und immer noch mit dieser grässlichen Unruhe beim Hausarzt.
Der dreht sich einmal um, nimmt eine Schachtel Tabletten aus dem Schrank und sagt „kommen sie in 14 Tagen wieder“.

Ich verließ wieder mit dem Gefühl mit einer Nichtigkeit zum Arzt gegangen zu sein die Praxis.

Wenn das Problem offensichtlich so klein ist, dass sich der Arzt nur einmal umdrehen muss, kann es so schlimm nicht sein.
War es aber. Schlussendlich katapultierte mich das falschen Antidepressivum an den Rand des Suizids.
Es ging mir jeden Tag schlechter, auf Nachfrage hieß es ich müsse einfach nur ein bisschen Geduld haben. 

Zugehört hat mir niemand.

Dank meines Neurologen und einer Freundin, die mit einem Psychiater befreundet war, wurde der wirklich eklatante Behandlungsfehler festgestellt, das falsche Medikament abgesetzt und an meinen tatsächlichen total desolaten Zustand angepasst. Rückblickend denke ich, ich hätte den Arzt anzeigen müssen.

Schwierige Patientin

Seither gelte ich als „schwierige Patientin“. Das ist mir allerdings relativ egal, mit schwerwiegenden Erkrankungen muss man Vertrauen in den behandelnden Arzt haben. Fühle ich mich dort unwohl, wechsle ich so lange, bis ich zumindest das Gefühl habe, dass mir zugehört wird. Kein Mensch würde bei einem Architekten ein Haus bauen, der Fragen nicht beantwortet oder die Kunden belächelt.

Geschlechterunterschiede in der Medizin – Diskriminierung weiblicher Patientinnen

Ohne groß drüber nachzudenken fallen mir drei Freundinnen von mir ein, denen es erging wie mir. In einem Fall zog es sich über zehn Jahre hin, bis die Diagnose Multiple Sklerose kam. Die andere brach mit 40 Jahren im Bad zusammen. Der hinzugezogene Notarzt fragte sie, ob er sie nicht lieber in die Psychiatrie bringen solle. Diagnose: schwerer Schlaganfall. Die Dritte kam mit einem massiven Bandscheibenvorfall ins Krankenhaus, der ebenfalls übersehen wurde. “Wir können hier nichts für sie tun.”

Eine befreundete Psychologin erzählte mir, dass es Untersuchungen gibt, bei denen der Geschlechterunterschied in der Medizin im Fokus steht.

Diagnosen werden bei Frauen später gestellt, Symptome nicht ernst genommen und vielen Patientinnen wird einfach nicht zugehört.
Es gibt mittlerweile in einigen großen Kliniken und Universitäten Abteilungen für Gender Medizin, in denen die Unterschiede zwischen kranken Frauen und Männern untersucht werden. Beispiele hier sind München und Berlin. Wer meint, dass die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in Deutschland halbwegs umgesetzt wird irrt sich zumindest beim Thema Gesundheit. 

Vertrauen in die Patientin – Trust Gap

Im Januar 2022 entstand der Hashtag bei Twitter zum Thema #FrauenBeimArzt. Das österreichische Magazin “der Standard“ hat hierzu den hier verlinkten Artikel veröffentlicht.  Mehr als 1.300 Patientinnen schildern hier Erlebnisse beim Arzt, die meinen ähneln.  

Die oben beschriebenen Erfahrungen laufen in der Forschung unter dem Label ‚„Trust Gap“.
Frauen wird als Patientin nicht das gleiche Vertrauen entgegen gebracht wie gleich kranken Männern.

Das liegt an unterschiedlichen Gründen. Ein Grund dafür ist, dass Frauen tatsächlich häufiger an Depressionen erkranken und daher „nur die Psyche“ eine naheliegende Erklärung ist um die nervige Patientin schnell aus dem Behandlungszimmer zu kriegen.

Weint eine Frau beim Arzt ist es die Psyche, weint sie nicht kann es nicht so schlimm sein.

So die Aussage von vielen missverstandenen Frauen.

Es geht hier nicht darum, wer „recht hat“, sondern darum respektvoll angehört zu werden.
Der andere Punkt: was heißt hier „nur psychosomatisch“? Sind wir Frauen ein bisschen verspannt, gestresst und nicht belastbar?
Psychische Erkrankungen –sollte es sich um eine Solche handeln- sind gravierende Beeinträchtigungen der Gesundheit. Angststörungen und Depressionen können sich in schweren körperlichen Symptomen äußern und gehören in die Hände eines Fachmanns. 

Die Wissenslücke – Knowledge Gap

Der andere zentrale Aspekt ist jedoch die sogenannte „Knowledge Gap“. Also die Wissenslücke.
Über Jahrzehnte hinweg wurden die absolute Mehrheit der Medikamente ausschließlich an Männern getestet, mit der Annahme, dass Frauen so etwas wie kleinere Männer sind und die Medikamente entsprechend gleich wirken.
Es gibt eine Studie von 1986 zu dem Zusammenhang zwischen Brust- und Gebärmutter Krebs und Übergewicht, bei der keine einzige Frau in der Studie teilnahm.
Bis Ende der 1990er Jahre ging man davon aus, dass junge Frauen überhaupt keinen Herzinfarkt kriegen könnten. Doch: haben sie. Und sterben häufiger daran als Männer.

2015 fand in den USA eine Studie für ein „Viagra für Frauen“ mit 25 Teilnehmenden statt. 23 davon waren Männer.

Die Pharma-Forschung forscht unter anderem ohne die Frauen, weil man ja sonst bei der Erforschung von Nebenwirkungen die Hormonschwankungen während des Zyklus mit beachten müsste.
Oder es besteht die Gefahr, dass Frauen während der Studie schwanger werden könnten und somit ausscheiden müssten. Weil das zu aufwändig und zu teuer ist, wird der weibliche Zyklus bei den Zulassungsstudien häufig einfach ignoriert. Der oben verlinkte Artikel ist übrigens aus dem Jahr 2022.

In einem Interview des Bayrischen Rundfunks mit dem Bundesverband der pharmazeutischen Industrie aus dem Jahr 2020 heißt es, dass die Gendermedizin Einzug in die Forschung gefunden hat.

Traurig, dass dies erst 2020 geschehen ist.

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