Christin, Leben mit Depressionen und Fibromyalgie

Christin, Leben mit Depressionen und Fibromyalgie

Über mich

Ich bin Christin, 38 Jahre alt, Mutter in einer Patchworkfamilie  und hauptberuflich Erzieherin. Ich habe ein Kinderbuch mit Gedichten über das Thema Depressionen veröffentlicht: “Warum ich?“Ich bin an Depressionen erkrankt. Genauer gesagt: rezidivierende depressive Störung. Das heißt, dass die depressiven Episoden immer wiederkehrend sind. Mal schleichend, mal akut, mal leicht, mal mittel, mal schwer. 

Die Depression und ich

Ich bin an Depressionen erkrankt.
Genauer gesagt:  an einer rezidivierende depressive Störung.
Das heißt, dass die depressiven Episoden immer wiederkehrend sind. Mal schleichend, mal akut, mal leicht, mal mittel, mal schwer.
Das ist nicht nur für mich selbst, sondern auch für meine Familie und Freunde manchmal nicht so einfach, weil es so unvorhersehbar ist. Es gibt normale Tage oder Wochen, mit Freude, Spaß, auch Euphorie. 

Dann gibt es Tage oder Wochen voller Selbstzweifel, ohne Antrieb, Traurigkeit, Mutlosigkeit.

Depressionen zu haben bedeutet nicht einfach nur „schlecht drauf“ zu sein. Depressionen bestimmen das Denken, Handeln und Fühlen jede einzelne Sekunde des Tages. Ein gebrochenes Bein oder Rückenschmerzen kann man bei einem guten Buch vergessen. Depressionen nicht: vom morgendlichen Aufwachen bis zum Einschlafen bestimmen Hoffnungslosigkeit, Angst und ein Krieg im Gehirn, der sich nicht abstellen lässt, das Denken.
Die Gedanken stehen nie still, sodass man kaum ein- oder durchschlafen kann.
Diese durchwachten Nächte wollen nicht vergehen und machen die folgenden Tage noch schlimmer.

Unvorhersehbare Phasen

Manchmal sind die Phasen ganz gut vorhersehbar und kündigen sich durch anfängliche leichte, Symptome an, häufig durch eine merkwürdige Unruhe oder Ängste. Das ist noch ganz gut zu verstehen und man kann dem Umfeld erklären, was gerade mit einem geschieht.

Manchmal sind die Phasen aber auch völlig unvorhersehbar.
Es kann sein, dass ein besonderer Grund vorliegt, den man als Auslöser identifizieren kann. Diese können sehr schwerwiegend oder einschneidend sein. Aber auch solche Begebenheiten, die für Gesunde, die gar nicht so schlimm erscheinen, aber bei dieser Krankheit schon mal einen kleinen Weltuntergang bedeuten können. Beispielsweise eine Auseinandersetzung am Arbeitsplatz. Manchmal scheint es überhaupt keinen Grund zu geben, warum die depressive Phase aufgetreten ist, das ist für einen selbst und das Umfeld am schwersten zu begreifen. Man selber fragt sich andauernd, warum es einem wieder schlecht geht, findet keine Antwort und kann somit auch den Anderen keine geben, damit sie helfen oder besser verstehen können.
Ein zentrales Symptom von Depressionen sind Schuldgefühle. Gerade diese überfallen einen, wenn eine scheinbar grundlose Depression zuschlägt. Man fühlt sich selbst aber auch dem Umfeld gegenüber als
Versager, der es verdient bestraft zu werden.

Stigmatisierung durch Unverständnis

Depressionen zu beschreiben, für jemanden, der nicht darunter leidet, ist gar nicht so einfach.
Man kann versuchen, zu umschreiben, wie es sich anfühlt.
Und wahrscheinlich werden sich auch einige, die nicht unter einer psychischen Krankheit leiden, in den beschriebenen Gefühlen wiederfinden, doch wirklich nachvollziehen können das nur Menschen, die direkte Erfahrungen damit haben. Ähnlich, wie bei körperlichen Krankheiten. Ein banaler Vergleich:
Nur wer schon mal Halsschmerzen hatte, weiß wie es sich anfühlt,
Nur wer sich schon einmal den Arm gebrochen hatte, kann solche Schmerzen mitfühlen.

Viele Empfindungen sind bei den meisten Betroffenen von Depressionen gleich, wie Angst, Schuldgefühle oder Rastlosigkeit. Dennoch sind Depressionen, in dem Sinne, nicht mit physischen Krankheiten zu vergleichen.
 Es gibt sehr unterschiedliche Ausprägungen und Symptome, was die Diagnoseschwerer und die Behandlung viel individueller macht.
Es gibt also kein Patentrezept, was bei jedem gleich anwendbar ist.

Depression ist immer noch eine Krankheit, über die bei vielen noch sehr viel Unwissenheit herrscht und etwas, das bis vor kurzem noch sehr tabuisiert und stigmatisiert wurde. Ich selbst kenne es noch sehr gut aus meiner Jugend, Sprüche zu hören, wie:
„Der ist in der Klapse!“
Daher trauen sich viele Menschen nicht (oder noch nicht) öffentlich zu sagen:
„Ich habe Depressionen.“

Zum Glück gibt es immer mehr Menschen, die das mittlerweile tun und immer mehr Öffentlichkeit auch auf Social Media, die dazu ermutigen sich zu zeigen.

Aber es sieht auch heute noch nach einer Art „Outing“ aus.
Trotzdem hilft jeder, der öffentlich darüber redet, ob prominent oder nicht, dabei psychische Erkrankungen in der Gesellschaft zu enttabuisieren.

Ich selbst wollte mir auch nie eingestehen, dass ich unter Depressionen leide, und habe „körperliche“ Gründe für meine Symptome gesucht.

Erste Symptome in der Kindheit

Ich habe zwar schon als Kind gemerkt, dass ich manchmal „anders“ bin, mich oft einsam und unverstanden fühle, aber ich habe das immer als einen Charakterzug von mir angesehen.
Auch in der Jugend noch dachte ich: „Ich bin eher melancholisch.“
Obwohl damals schon andere Symptome, wie chronische Schmerzen oder selbstverletzendes Verhalten hinzukamen.

In meinen Zwanzigern habe ich es schon als depressive Phasen bezeichnet, aber eher scherzhaft für mich oder für Freunde.

Eine schlimme Zeit

Vor vier Jahren beging mein Neffe Suizid, im Alter von 17 Jahren.
Eine sehr schlimme Zeit für alle in der Familie und auch für mich, da die (damals noch nicht diagnostizierte) Depression so stark zuschlug, wie schon lange nicht mehr.

Ich war damals noch in Elternzeit. Arbeiten zu gehen, hätte ich wahrscheinlich auch gar nicht geschafft. Schon den Alltag mit kleinem Kind und dem Trauerfall zu bewältigen, war eine sehr große Herausforderung.
Schon die kleinsten Aufgaben, wie zum Beispiel Kochen oder Staubsaugen, schienen zu schwer, unüberwindbar, wie ein Berg, dessen Spitze bis in die Wolken ragt.

Die Tage waren zu vollgepackt mit unendlich vielen, immer wiederkehrenden Fragen, die sich, wie im Kreis um einen Herumdrehen, auf die es doch keine Antwort gab.
Warum ist das passiert? Wie konnte es so weit kommen?
Warum konnte ihm keiner helfen? Wieso…

Gefangen, wie im Labyrinth. Eine Sackgasse nach der Anderen.
Das Gefühl von Kraft- und Machtlosigkeit, den Ausweg zu finden.
Ein Gefühl unerklärlicher Einsamkeit, obwohl man äußerlich gesehen nie alleine ist.

Ein Nebel aus grau. Der Himmel schwarz, obwohl die Sonne scheint.
Gelähmt in schier unendlicher, unüberwindbarer Traurigkeit.

Ich machte mir wahnsinnig Schuldgefühle, dachte ich hätte ihn doch verstanden, hätte ich das gewusst, aber gleichzeitig sah ich immer noch nicht, dass ich selbst auch Hilfe brauchte.

Dann fing ich an zu Schreiben. Gedichte über Jonas, über Gefühle, die ich ihm suggerierte und eigentlich meine waren.
Dann kam die Idee, damit auf das Thema aufmerksam zu machen. Zu vermitteln, dass es auch schon bei Kindern und Jugendlichen Depressionen gibt und anderen, die so etwas Vorhaben, zu zeigen, wie sich Angehörige fühlen, wenn jemand diesen Ausweg sucht.

Eigentlich sollte es ein Lied werden, aber daraus wurde aus verschiedensten Gründen ein Buch mit Gedichten.
Das Schreiben habe ich aber weiter als eine Art „Eigentherapie“ weiter gemacht.

Ich wusste zum Tod meines Neffen schon, dass wir uns in vielen Phasen sehr ähnlich waren, ähnliche Gedanken hatten, aber, zu diesem Zeitpunkt habe ich diese „Phasen“ immer noch als solche betrachtet, die kommen und gehen.

Endlich die Diagnose

Erst letztes Jahr sind -trotz bereits seit langen bestehenden schweren Symptomen- rezidivierende Depressionen diagnostiziert worden. Es kam dazu, weil meine chronischen Schmerzen nicht mehr zu ignorieren waren. Sie wurden immer schlimmer. Ein halbes Jahr habe ich versucht irgendwelche Diagnosen, irgendwelche Gründe dafür zu finden und bin von Arzt zu Arzt gegangen, verschiedene Untersuchungen, MRTs.

Wie ein Weckruf

Ein  Arzt sagte mir: „Sie werden keinen physischen Grund für ihre Schmerzen finden. Sie haben ein Burnout oder mindestens eine mittelschwere Depression.“

Aber genauso drastisch wie der Ausspruch des Arztes war, war es eigentlich richtig für mich. Sonst hätte ich wieder versucht, einen anderen Grund zu finden, um ja keine Depressionen anerkennen zu müssen.
Ich war im ersten Moment wütend und enttäuscht.
Erstens, weil ich dachte, wie kann man das nach ein paar Minuten Gespräch beurteilen? Der kennt mich doch gar nicht!
Danach dachte ich: “Na toll, wieder eine Sackgasse, auch keiner, der dir helfen kann, der eine vor-gefertigte Meinung hat, der keine weiteren Untersuchungen macht…”

Dann kam die Angst…Ich möchte keine Antidepressiva nehmen, da wird man abgängig von.
Das ist das Eingeständnis…
Danach auch “Und was jetzt… ?!”
In meinem Buch habe ich es so beschrieben:

„Wenn ich mich veränder, erkennt man mich?
Wenn ich mich veränder, bin ich dann noch ich?”

Erst dann kam die Erkenntnis und die Überlegung zur Veränderung,
Veränderung der Haltung meiner Symptome gegenüber.

Und noch eine Diagnose: Fibromyalgie und chronische Schmerzen

Die Erklärung dass all meine Symptome von den Depressionen kommen war so dann doch nicht ganz richtig. Später wurden doch noch chronische Schmerzerkrankungen (z.B. chronische Kopf- und Rückenschmerzen) sowie Fibromyalgie diagnostiziert.
Als chronische Schmerzen werden Schmerzen bezeichnet, die seit mindestens drei bis sechs Monaten fast immer vorhanden sind oder häufig wiederkehren und den Patienten körperlich (Beweglichkeitsverlust, Funktionseinschränkung), körperlich-kognitiv (Befindlichkeit, Stimmung, Denken) und sozial beeinträchtigen.

Fibromyalgie ist auch eine nicht heilbare chronische Schmerzerkrankung
Sie ist dadurch oft schwer zu diagnostizieren, die Schmerzen meist lange als psychosomatische abgetan werden und die meisten Betroffenen haben bis zur Diagnose einen sehr langen Leidensweg hinter sich.

Die Symptome der Fibromyalgie
Die Erkrankung äußert sich im allgemeinen, durch tiefliegende Muskelschmerzen, die in unterschiedlichen, aber sehr vielen Teilen im Körper und in variabler Stärke vorhanden sind. Diese können Gelenke, Muskeln und/oder Haut betreffen.
Andere Symptome sind oder können sein:

  • schlechter, nicht erholsamer Schlaf (dadurch Müdigkeit und Antriebslosigkeit)
  • Gedächtnis-, Konzentrationsstörungen
  • erhöhte Schmerz- und Druckempfindlichkeit
  • Gefühlsstörungen, Kribbeln oder Taubheit
  • Kopfschmerzen
  • Magen-Darm Beschwerden
  • innere Unruhe, Angstgefühle, bis hin zu Depression und Panikattacken
  • Herzrasen, Luftnot
  • Reizempfindlichkeit

Dadurch, dass die Krankheit nicht sehr bekannt ist, wird man als Betroffener von Anderen (Familie, Freunden, Kollegen, Arbeitgebern, aber auch Ärzten) teilweise weiterhin nicht ernst genommen. 
Dass Fibromyalgie in der Allgemeinheit oft als psychosomatische Krankheit bezeichnet wird, trägt auch seinen Anteil dazu bei.

Was hilft bei Fibromyalgie?

Eine Ursache für die Entstehung dieser Krankheit ist nicht bekannt, auch keine Möglichkeit zur kompletten Heilung, sondern nur zur Linderung.
Die Möglichkeiten dazu sind sehr vielfältig und reichen von:
Entspannung:
– Wärmebehandlungen (Wärmflasche, Kräuter- oder Kirschkernkissen)
– Massagen (professionelle, sowie eigens angewendete z.B. mit einem Igel- oder Tennisball schmerzhafte Stellen lockern)
– Schröpfen (kann man auch sehr gut selber machen und die Utensilien dafür bestellen)
– Akupunktur
– Schmerzstillende oder muskelentspannende Mittel (da gibt es sehr viele Möglichkeiten und auch sehr gute natürliche Alternativen zu Tabletten: Retterspitzumschläge, Kartoffel- oder Kohlwickel, Heilerde, Arnika- oder Ringelblumensalbe,… )
– Entspannungstechniken (z.B.Chi Gong, Yoga, progressive Muskelentspannung, Meditation, …)

Sportlichen Aktivitäten/ Bewegung
dort muss natürlich jeder selber schauen, nach persönlicher Möglichkeit, Ausdauer- und Belastungsgrenze. Was aber im Allgemeinen zu empfehlen ist:
– Physiotherapie
– Muskelaufbau (dies kann auch mit einfachen Möglichkeiten zu Hause, mit und ohne Geräte, gemacht werden)
– Nordic Walking eignet sich sehr gut, um sehr viele Muskeln im Körper zu beanspruchen und ist für fast Jeden als Freizeitsport möglich. Wichtig ist dabei jedoch, um es effektiv machen zu können, die Technik zu kennen und vielleicht einmal in einer Gruppe oder mit einem Trainer zu starten. 

 

Multimodale Schmerztherapie

Man empfahl mir eine Schmerztherapie. Die das Beste war, das ich machen konnte.
Wenn man so etwas noch nicht gemacht hat, kann man sich wahrscheinlich nicht viel darunter vorstellen.
Eine Schmerztherapie ist so vielfältig, dass man, um sie zu beschreiben, einen weiteren Blogbeitrag schreiben könnte.
In der Regel geht eine Schmerztherapie über einen Zeitraum von vier Wochen.
Es ist in dem Sinne ähnlich zu verstehen, wie eine Reha oder Kur.
Man hat in dieser Zeit ein Programm mit verschiedenen Anwendungen von morgens bis nachmittags, die aus physikalischen Elementen (wie Physiotherapie, sportlichen Aktivitäten, Ergotherapie) und psychologischen Elementen (wie Therapiegesprächen, Entspannungstechniken und Schmerzbewältigungsverfahren) bestehen und individuell angepasst werden.
Eine Schmerztherapie ist multimodal, das bedeutet, dass nicht nur, die eben angesprochenen Elemente vereint werden, sondern ein Team aus verschiedenen Berufsgruppen (Ärzte und Krankenschwestern, mit spezieller Zusatzbildung in dem Bereich, Psychologen, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten) eng miteinander und dem Patient zusammenarbeitet.
Die Hauptziele einer Schmerztherapie sind:
Mehr über Schmerzen zu erfahren, wie sie entstehen, was die physischen und psychischen Aspekte von Schmerzen sind, um so auch die eigenen Schmerzen zu verstehen.
Um damit besser umgehen zu können, lernt man, wie man diese mindern kann,
um so wieder eine bessere Funktionalität im Alltag zu bekommen.

Dort habe ich auch das erste Mal über meine Gefühle, meine schlechten Zeiten geschrieben.

Die Krankheit öffentlich machen

Meine Therapeutin sagte dann irgendwann zu mir: „Irgendwann werde ich mal ein Buch von Ihnen in den Händen halten.“

Und so passierte es auch:
Ich habe gar nicht lange gezögert und schon im Herbst letzten Jahres ein Kinderbuch veröffentlicht. Natürlich in Gedichtform.
„Warum ich?“, soll Kindern Gedanken und Gefühle bei Depressionen, auch durch eine sehr schöne Illustration, verstehen lassen, dazu animieren über Probleme zu reden und Lösungen aufzeigen.
Aber auch Eltern für dieses Thema achtsam machen.

Nach der Schmerztherapie habe ich eine Psychotherapie fortgeführt bzw. führe sie auch jetzt noch fort. Denn, wenn man erst einmal anerkennt und Hilfe zulassen kann, ist die Therapie sehr hilfreich.

Herzlichst, eure Christin

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