Julia- Sprachlos nach Schlaganfall

Aphasie bedeutet Schlaganfall

Leben mit Aphasie

Ich erzähle hier die Geschichte von Julia. Sie ist 56 und hat mit 42 einen schweren Schlaganfall erlitten.
Sie kann ihre Geschichte nicht selbst erzählen, da sie durch den Schlaganfall schwerste Sprachstörungen, eine Aphasie, erlitten hat.

Julia ist meine Schwägerin, ich — Caro Mehr, Autorin dieses Blogs- kenne sie seit 25 Jahren und erzähle heute im Auftrag ihre Geschichte.
Der Schlaganfall hat bei ihr eine Stelle des Gehirns getroffen, die für die Sprachsteuerung zuständig ist. 

Auswirkungen des Schlaganfalls

Sie hat als Resultat des Schlaganfalls eine schwere Aphasie

Dies bedeutet, dass ihre gesprochene Sprache, das Sprachverständnis (Hören) sowie das Lesen betroffen sind. Beim Sprechen verdreht sie Wörter und ganze Sätze, vertauscht Buchstaben oder kann manches überhaupt nicht sagen.

Das Resultat ist, dass sie – besonders in komplexeren Sachverhalten – schwer verständlich ist. Wenn man sie kennt und gut zuhört, wird der Sinn fast immer klar. Fremde Personen schauen bisweilen befremdet, wenn Julia zum Beispiel in einem Geschäft mit der Verkäuferin spricht. Spricht sie beispielsweise über den Schlaganfall, sagt sie „mein Bling-Bling“, bestellt sie Sekt oder Prosecco, sagt sie „das mit Bubbles“.
Sehr belastend für sie ist auch die Einschränkung, das Gehörte richtig zu verstehen. Bei zu langen Gesprächen oder wenn mehrere Leute sprechen, kann sie nicht folgen. Auch das Lesen, Schreiben und Zahlenverständnis sind sehr eingeschränkt. Mit einer Speisekarte kommt sie einigermaßen zurecht, Zeitschriften lesen kann sie wiederum nicht mehr.
Sie hat somit eine schwerste, aber unsichtbare Behinderung. Gegenüber vielen anderen Schlaganfallpatienten kann sie sich aber völlig normal bewegen.

Julias Video über Aphasie

Hier erzählt Julia in ihrer eigenen Sprache über ihre Einschränkung, Video, 2 Minuten

Die Akutphase des Schlaganfalls

Die Welt aus den Angeln gerissen

Julia war schon immer ein extrovertierter und selbstbewusster Mensch. In den langen Jahren, in denen sie in London gearbeitet hat, hatte sie eine erfolgreiche Karriere in einer Unternehmensberatung.
Als sie 39 war kam die ersehnte Tochter zur Welt. 4 Jahre später riss der Schlaganfall ihre Welt aus den Angeln. Nachdem sie morgens im Bad zusammengebrochen war, kam sie mit dem Rettungswagen in die Klinik.

Zu Beginn war aus dem, was Julia zu versuchte zu sprechen überhaupt nichts zu verstehen. Es klang wie ein Kauderwelsch aus verschiedenen Fremdsprachen.

Das Leben neu ordnen

Aber es gab auch ganz praktische Probleme: Sie wusste den Pin Code für die Kreditkarte nicht mehr, keine Passwörter für E-Mail und so weiter. Sie musste ihr Leben komplett neu organisieren, ein Kind großziehen, den Alltag meistern.
Sich zurechtfinden, ohne Stadtpläne lesen zu können, Rezepte nachzulesen oder wegen eines abgelaufenen Passes mit der Behörde zu telefonieren.

Für Familie und Freunde

Julias Tochter ist mit der Beeinträchtigung ihrer Mutter groß geworden und empfindet sie als „ganz normale“ Mutter, die manchmal nervt, sich immer kümmert und nicht anders ist, als andere Mütter auch. Für sie spielt die Beeinträchtigung keine Rolle. Die mittlerweile 18-jährige hat ein Studium begonnen, ist aus ihrem Elternhaus ausgezogen aber im engen Kontakt mit ihren Eltern.

Julias Mann Moises, mit dem sie seit 35 Jahren zusammen ist, war von Beginn der Erkrankung an eng an ihrer Seite und hat sie – gerade zu Beginn in der akuten Phase – bestmöglich unterstützt. Das gesamte Leben musste von jetzt auf gleich umstrukturiert werden.

Einkaufen, Haushalt, Kind erziehen, all dies war für Julia zu Beginn schlecht oder gar nicht möglich, sodass Moises die Fäden in der Hand halten musste — und sie mit der Zeit auch wieder an Julia zurückgeben konnte. Dies hat auch dazu geführt, dass die Beziehung der beiden sehr eng ist.

Mit den Jahren wurde auch für ihn die Erkrankung und deren Folgen zu einer Selbstverständlichkeit. Er unterstützt, wo nötig, dies ist aber selten der Fall.
Julias Familie und Freunde helfen, wo immer es nötig ist. Allerdings immer nur auf Julias Bitte hin.
Aufgrund ihrer Persönlichkeit und Auftreten ist dies selten nötig. Sollte etwas nicht klappen –beispielsweise bei einer Gate Änderung am Flughafen – fragt sie so lange nach, bis sie weiß, wo es lang geht. 

In Situationen, in denen tatsächlich etwas nicht klappt, sagt sie einfach „Scheiß drauf“, lacht und sucht eine Lösung.

Julias Fazit zur Aphasie

Nach dem Drehen des Videos unterhielten wir uns noch eine Weile. Ihr Fazit ist, dass sie ihr Leben wie es ist akzeptiert hat, glücklich ist, und ihr Leben vor dem Schlaganfall und der Aphasie weder vermisst noch zurück haben wollte.
Die Krankheit ist ein Teil ihres Lebens geworden, aber nicht wirklich ein schlechter.

Sie sagt, ich bin behindert, so wie andere groß, klein, dick oder dünn sind. Es ist einfach so.

Habt ihr auch Erfahrungen mit Aphasie oder einem Schlaganfall?

Schreibt mir gerne hier über die Kommentarfunktion der Seite.

Herzliche Grüße

Julia

3 Comments

  • Britta Roth 20. Februar 2022 at 14:33 Reply

    Liebe Caro, meine Schwägerin hat in den USA einen Schlaganfall erlitten als sie 26 Jahre alt war. Da die Versorgung in den amerikanischen Krankenhäusern eine Katastrophe ist haben die Schwiegereltern sie nach Deutschland gebracht. Durch den Schlaganfall war sie komplett aphasisch. Durch einen epileptischen Anfall ist sie alleine in ihrer Wohnung erstickt und mit nur 44 Jahren gestorben 😪

    • Caroline Mehr 20. Februar 2022 at 15:41 Reply

      Liebe Britta, vielen Dank dass du die Geschichte mit uns teilst.
      Das ist tragisch. 🙏🏼

    • Frauenpowertrotzms 20. Februar 2022 at 15:47 Reply

      Liebe Britta,
      das ist entsetzlich. Das wusste ich gar nicht. Und so jung.
      Viele liebe Grüße Caro_R

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